30. Juli 2021

Ausstellung über das Studio 54: Sex, Drugs & Disco-Music

Der legendäre New Yorker Club Studio 54 war ein Ort der Freizügigkeit. Hier durfte jeder sein wie er wollte. Am besten besonders schräg und mit sehr viel nackter Haut. Eine Ausstellung erinnert an das Studio 54 und an die Freiheiten der späten 70er. Sind wir heute wirklich freier als damals?

Ein Barkeeper mit nacktem Oberkörper mixt einen Drink. Davor ein Original-Outfit einer Studio-54-Besucherin. Ein Rock und ein BH, der aus zwei Muscheln besteht (siehe Bild oben). Immerhin zwei Muscheln. Im Studio 54 war es nicht wirklich Pflicht, ein Oberteil zu tragen. Davon zeugen zahlreiche Fotos von Partys auf der Ausstellung. Immer wieder sehen Besucher Männer, aber eben auch Frauen mit freiem Oberkörper, die tanzen und feiern. Dazu eine Line Koks? KeinProblem. Das gab es auf dem Klo, Tresen und auf großen Tischen im VIP-Bereich.

Studio 54 – Ausstellung: Ohne Türsteher und Schlangen

Die Ausstellung ist eine Reise in die liberalen und freizügigen 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Männer und Frauen inszenieren sich als Sexualobjekte. Freiwillig. Hetero, schwul, trans – völlig egal. Hauptsache Party. Jeder darf sein wie er mag. Ja, die Studio-54-Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er war draußen eine Welt von Diskriminierung. Jedenfalls partiell. Andererseits blühte der Underground und auch die Freizügigkeit.

Eine Reise in eine freizügigere Welt

Diese Freizügigkeit, ausgelöst durch die Hippies der späten 1960er-Jahre, hielt sogar in den Mainstream Einzug. Zu sehen in der Fernsehwerbung der Seifenmarke Fa aus den 70er/80ern, die im damals steifen und konservativen ZDF lief. Problemlos. Ohne Proteste. Eine Frau hüpft mit nacktem Oberkörper am Strand entlang und hält ihre Brüste in die Kamera (siehe Video unten). Was würde geschehen, wenn ein Unternehmen seine Seife heute so bewerben würde?

Das Wort „Besucher*innen“ auf einer Texttafel reißt mich beim Besuch der Ausstellung erstmal aus dem zeitlichen Film, in dem ich mich befinde. Das ist so wenig 70er. Das ist so Neuzeit. Ist das wirklich ein Fortschritt? Oder doch ein Rückschritt? An die Stelle der unbeschwerten Freiheit ist eine der geregelten getreten. Aber kann man Toleranz und Diversität wirklich regeln? Oder zerstört das viel zu viel Freiheit? Ist eine Gesellschaft wirklich tolerant, wenn ein Teil dem anderen vorschreibt wie man sein soll? Mir kommen beim Rundgang durch die Ausstellung Zweifel, ob wir seit dem Studio 54 Freiheit gewonnen haben.

Studio-54-Plakate: Pornographisch, frauenfeindlich, jugendgefährdend

Wie sich die Zeiten seither geändert haben, zeigt eine kleine Geschichte, die auch mit dem Studio 54 zusammenhängt. 1998 kam der Film zum Club in die Kinos. Aufsehen erregten die deutschen Filmplakate. Ein Slogan. „Ein ganz normaler Kuss im Studio 54“. Zu sehen: Eine Frau mit nackten Brüsten auf einem Barhocker, zwischen ihren Beinen der Kopf eines Mannes, der sie oral befriedigt. Das Plakat und zwei weitere Motive wurden später vom deutschen Werberat gerügt. Ein staatliches Berliner Plakatunternehmen weigerte sich, die Plakate zu kleben: „Jugendgefährdend, frauenfeindlich, pornograpgisch“. 20 Jahre nach der Eröffnung des Studio 54 war es auch in Deutschland mit der Liberalität vorbei.

Heute nackt in den Club?

Ein weiteres Vierteljahrhundert später gehe ich also durch die Studio-54-Ausstellung. Sehe die nackten Oberkörper, die die Gäste zeigen. Ich überlege: Was würde passieren, wenn heute jemand im Club einfach den Oberkörper entblößen würde? Speziell eine Frau. Im angeblich so liberalen und toleranten Deutschland. Und ich komme beim Gang durch die Ausstellung auch schnell zu der Frage: Ist unsere Gender-Welt, unsere so diverse Gesellschaft nicht wesentlich weniger liberal als die Welt der 70er? Führt poltical correctness und die Rücksichtnahme auf jede Kleinstgruppe etwa zu verkrampfter Spießigkeit?

Friedrich der Große und das Studio 54

Die Freiheit des Studio 54 ist nämlich eine andere als die, die wir heute so nennen. Im Studio 54 galt die alte Weisheit von Friedrich II. Jeder soll nach seiner Façon selig werden. Eine wunderbare fast 300 Jahre alte Weisheit, die nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Im Studio 54 durfte jeder so sein wie er will, er tolerierte aber auch den Sitznachbarn, der vielleicht ganz anders war. Er musste den Lebensstil des anderen nicht gut finden, im Gegenteil, er konnte ihn für abscheulich und sogar verwerflich finden. Und doch durfte derjenige so sein wie er will. Oder um es mit Friedrich, dem Großen, zu sagen: Er fand römisch-katholische Religion zwar abscheulich, aber trotzdem sollten die Katholiken nach ihrer Façon glücklich werden. Und da Friedrich II. vermutlich schwul war, passt er ja auch irgendwie ins Studio 54.

Leben und leben lassen

Friedrich, schwul, Toleranz. Meine Gedanken schweifen beim Rundgang ab. Von Friedrich und dem Studio 54 könnten wir viel lernen, denke ich. Heute versucht die eine Seite der anderen eine Meinung aufzudrücken: Der Klimaschützer dem Klimaskeptiker, der Migrationsgegner dem Flüchtlingshelfer, der diverse dem schwulenfeindlichen Menschen. Und umgekehrt. So weh es tut: Wahre Toleranz zeigt sich eben darin, dass ich dem anderen erlaube nach seiner Façon glücklich zu werden. Oder um es mit Schillers Wallenstein zu sagen: Leben und leben lassen.

Ausstellungsraum

Ich gehe mit der Frage aus der Ausstellung: Wann ist eine Gesellschaft wirklich divers und liberal? Und wo ging zwischen 1977 und 2021 die Lockerheit, die Freizügigkeit, die Toleranz verloren? Damit hat die Ausstellung ihren Zweck ja schon erfüllt. Ich denke nach. Und das geht mir nun wahrlich nicht bei jeder Ausstellung so, die ich besucht habe.

Die Fakten zur Ausstellung:

Noch kurz ein paar Fakten: Die Ausstellung war im Lockdown-Jahr 2020 im Brooklyn-Museum in New York zu sehen. Seither geht sie auf Tour. Zuerst war sie von Juni bis Oktober 2021 im Dortmunder U zu sehen, von wo auch die Aufnahmen in diesem Artikel stammen. Die Studio-54-Ausstellung zeigt viele Fotos und Zeitungsausschnitte aus dieser Zeit, dazu Kostüme der buntesten Vögel, die dort zu Gast waren, und Texttafeln, die alles einordnen. Und durchs Museum dröhnen Blondie, Bei Gees, Thelma Houston und Boney M. Eine sehenswerte Zeitreise. Und eine, die zu Gedanken anregt…

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