29. Mai 2022

Das Liederfest, eine Muschel und die Revolution

Das estnische Liederfest ist vielmehr als eine gigantische Veranstaltung. Es ist ein Symbol eines kleinen Volks für seine Unabhängigkeit. Singend haben sich die Esten 1990 von den Russen befreit.

Die Musikmuscheln wie wir sie kennen sind ein Scherz im Vergleich zu der in Tallinn. Vielleicht 50 Sänger finden auf der in Westerland auf Sylt Platz. Wenn es hoch kommt. Und in Tallinn? Beim estnischen Liederfest stehen hier bis zu 15.000 Sängerinnen und Sänger gemeinsam auf der Bühne. 100.000 Menschen lauschen ihnen im Publikum. Alle fünf Jahre findet das Fest statt. Auf dem Lauliväljak-Gelände am Rande der Tallinner Innenstadt.

Erstes Fest 1869

Das Sängerfest hat Tradition. 1869 trafen sich zum ersten Mal Esten, damals noch in Tartu, um ihre eigenen Lieder zu singen. 850 Sänger nahmen damals teil. OK. Es gab relativ wenige. Von zweien ist die Rede. Der Rest waren deutsche Volkslieder. Aber das Fest war Antriebsfeder, um eine eigene estnische Musik-Kultur zu entwickeln und sich so von der jeweiligen Herrschern zu distanzieren. Nach Jahren unter dänischer und schwedischer Herrschaft gehörte Estland seit 1710 zum russischen Zarenreich. Amtssprache war aufgrund der Hanse-Vergangenheit aber deutsch. Doch der Zar wollte das Land russifizieren.

Die gigantische Musik-Muschel

Seit 1880 findet das Fest in Tallinn, später noch einige Mal in Tartu. Zunehmend mit estnischen Liedern. Auch als Protest gegen die jeweiligen Herrscher, die als Besatzer empfunden wurden. Das Liederfest war trotz seiner Volkslieder deshalb auch immer politisch. Das wusste die Zaren-Regierung und später auch die Sowjets. Die schafften beispielsweise die Zählweise (1. Liederfest, 2. Liederfest etc.) ab, weil die als unsozialistisch galt. Zumal das Fest ja älter als die UdSSR war. Zahlreiche estnische Lieder wie die Nationalhymne wurden verboten.

Singende Revolution

Der Unabhängigkeitskampf der Esten Ende der 1980er-Jahre ist auch als „Singende Revolution“ bekannt. Gewaltfrei mit patriotischen Liedern versuchten die Balten die Sowjets zu vertreiben. Letztendlich mit Erfolg. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Menschenkette von Tallinn nach Riga bis nach Vilnius 1989. An den Protesten nahmen zwei Millionen Balten teil, das Sängerfest 1990 war mit 300.000 Zuschauern das größte in der Geschichte. 1991 erlangten die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit.

Die Geschichte des Sängerfestes im Video

Die Tradition der Sängerfest wird bis heute gepflegt. Seit 1928 findet es am heutigen Standort Lauluväljak (Liederplatz) mit Blick auf die Ostsee statt. Zwischen 1957 und 1960 wurde die heutige Musikmuschel gebaut. Das Denkmal (siehe Bild oben) zeigt Gustav Ernesaks, einen estnischen Chorleiter und Organisator des Liederfestes. Er gilt als Mann hinter der singenden Revolution, obwohl er sich öffentlich in der Regel unpolitisch gab.

Das Liederfest-Gelände ist offen, kann jederzeit besichtigt werden. An der Muschel befindet sich ein Museum, das die Geschichte des Liederfestes und der singenden Revolution erzählt. Im Winter ist das Gelände einer der beliebtesten Rodelhänge der Stadt. Die Besichtigung lässt sich gut mit dem Schloss Katharinental, dem benachbarten Präsidentenpalast oder dem Kunstmuseum KUMU verbinden.

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