16. September 2021

Keine Kreuzfahrt-Schiffe mehr in Venedig?

Venedig verbannt Kreuzfahrtschiffe! So war es in vielen deutschen Medien zu lesen, zu hören und zu sehen. Nur: So ganz stimmt die Geschichte nicht. Kreuzfahrtschiffe fahren weiter durch die Lagunenstadt.

Auf dem Kreuzfahrtschiff direkt am Marktplatz vorbei (siehe Bild oben). Für viele, die eine Mittelmeer-Kreuzfahrt buchen, gehört das zu den Highlights. Bilder wie oben gibt es tatsächlich seit dem 1. August 2021 nicht mehr. Die venezianische Regierung hat die Durchfahrt der dicken Pötte verboten. Aber eben nur an zwei Stellen: Direkt am Markusplatz und im benachbarten Canale della Giudecca. Zugegeben das sind die beiden schönsten Stellen für Kreuzfahrer, aber das heißt noch lange nicht, dass man nicht mehr mit dem dicken Kahn durch Venedig schippern kann.

Die verunglückte MSC Opera im Hafen in Venedig (Porto Marghera)

Für die ganz großen Pötte geht es jetzt eben außen um den Canale della Giudecca und etwas weiter entfernt am Marktplatz vorbei. Das ist nicht übel und Passagiere sehen nach wie vor genug von Venedig. Zudem trifft das Verbot nur Schiffe, die länger als 180 Meter, höher als 35 Meter oder schwerer als 25.000 Bruttoregistertonnen sind. Darunter fallen nur die richtig großen Costa-, MSC- oder AIDA-Schiffe. Die MS Deutschland beispielsweise, auf der lange das ZDF-Traumschiff gedreht wurde, ist kleiner und dürfte deshalb fahren. Alle Schiffe bis 200 Passagiere können ohnehin weiter direkt an den Marktplatz fahren.

Die italienische Regierung reagiert mit dem Verbot der großen Schiffe auf Kritik der UNESCO, die Venedig von der Liste der Welterbestätte nehmen wollte. Das scheint jetzt abgewendet. Auslöser der Debatte waren aber auch mehrere Unfälle mit Kreuzfahrtschiffen in Venedig. So rammte die MSC Opera (siehe Bild) 2019 ein Ausflugsschiff, ein anderer Pott rammte die Kaimauern in Venedig. Zudem gibt es innerhalb der Bewohner erheblichen Widerstand gegen Kreuzfahrtschiffe (siehe Foto eines Protestplakats) an einem Haus in Venedig. Die Initiative „No Grandi Navi“ bezeichnet das aktuelle Verbot als „Kosmetik“ und hält es für unzureichend.

Protestplakat an einem Haus in Venedig

Tatsächlich machen auch die großen Schiffe weiter in Venedig fest. Der Italiener ist halt pragmatisch. Er will den Titel UNESCO-Weltkulturerbe nicht verlieren und gleichzeitig weiter kräftig an Kreuzfahrttouristen verdienen. Jeder lässt 100 Euro in der Stadt, eine Nacht am Kai in Venedig kostet 60.000 Euro, 4.000 Menschen in der Stadt leben direkt oder indirekt vom Kreuzfahrttourismus (das hab ich in diesem Artikel näher beschrieben). Das Geschäft wollen sich die Venezianer dann doch nicht verderben lassen.

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